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Köln Halbmarathon 2026

Kölner Halbmarathon 2026 – All in or nothing

6:00 Uhr. Der Wecker klingelt.

Viel. Zu. Früh.

Ich torkele noch halb benommen in die Küche und versuche meinem Körper irgendwie zu erklären, warum wir zu einer Uhrzeit aufstehen, zu der an einem Sonntag eigentlich niemand freiwillig aufstehen sollte. Toast mit Nutella und Banane. Frühstück der Champions. Oder zumindest eines Menschen, der gleich 21,1 Kilometer ziemlich schnell durch Köln laufen möchte.

Zum Glück habe ich am Abend vorher schon alles vorbereitet. Also Tasche schnappen und raus zur Bahn. Draußen ist es noch stockdunkel. An der Haltestelle herrscht trotzdem schon überraschend viel Leben. Laufschuhe, Sporttaschen, nervöse Gesichter. Offenbar bin ich nicht der Einzige, der diese fragwürdige Entscheidung getroffen hat. Weitere Läufer warten auf die Linie 18, um Richtung Dom und Zielbereich zu fahren.

Und tatsächlich: Die KVB kommt pünktlich. Ausgerechnet heute.

So bin ich deutlich früher am Dom als nötig. Hätte ich doch eine Bahn später nehmen und noch eine halbe Stunde länger schlafen können. Aber sei’s drum. So bleibt wenigstens genügend Zeit, mich in Ruhe umzuziehen, meine Tasche abzugeben und mich anschließend auf den etwa zwei Kilometer langen Weg über den Rhein nach Deutz zum Start zu machen.

Mit jedem Meter werden es mehr Menschen. Aus einzelnen Läufern werden Gruppen, aus Gruppen wird irgendwann ein einziger großer Strom aus Sportlern. Alle mit demselben Ziel: Startlinie.
Dort angekommen stelle ich mich in den ersten Startblock. Ungefähr zehnte Reihe.

Noch zehn Minuten.

Langsam kommt Nervosität auf. Heute möchte ich eine gute Leistung abliefern. Richtig gut sogar. Allerdings fühlen sich meine Beine nicht so frisch an, wie ich es mir gewünscht hätte.

Noch fünf Minuten.

Ein bisschen dehnen. Uhr in den Laufmodus bringen.

Noch zwei Minuten.

Der Pulli fliegt zur Seite.

Noch eine Minute.

Ein letztes Gel. Ein letzter Schluck aus der Flasche. Jetzt gibt es sowieso kein Zurück mehr.

5 – 4 – 3 – 2 – 1 … LOS!

23.000 Läufer setzen sich in Bewegung.

Die ersten paar hundert Meter sind eng. Sehr eng. Überall Beine, Arme, Ellbogen. Man versucht irgendwie, seinen Rhythmus zu finden, ohne jemandem in die Hacken zu treten.

Und dann, nach vielleicht 300 Metern: Meine Achillessehne zieht plötzlich bis in die Wade.

Ernsthaft? Jetzt?!

Ich hatte die letzten Tage extra fast nichts gemacht, um möglichst ausgeruht an der Startlinie zu stehen. Und jetzt meldet sich nach nicht einmal zwei Minuten die Achillessehne? Ein ziemlich ungutes Gefühl macht sich breit. Bitte geh einfach wieder weg. Ich laufe weiter.

Der erste Kilometer führt über die Brücke – und ist, wie könnte es anders sein, natürlich viel zu schnell.

3:45 min/km. Ups. Aber es fühlt sich erstaunlich okay an.

Der zweite Kilometer Richtung Neumarkt ebenfalls ungefähr in diesem Tempo. Spätestens jetzt meldet sich der vernünftige Teil meines Gehirns: Vielleicht wäre es eine gute Idee, nicht bereits auf Kilometer zwei den Halbmarathon zu gewinnen.

Also nehme ich minimal Tempo raus. Und plötzlich finde ich meinen Rhythmus. 3:49. 3:51. 3:50.

Die Kilometer laufen fast wie mit Metronom. Immer um die 3:50 min/km, plus/minus zwei Sekunden. Die Fünf-Kilometer-Marke kommt. 19:04 Minuten. Uiuiui. Das ist schnell. Sehr schnell.

Kurz überschlage ich, was das bedeutet und stelle mir die entscheidende Frage:
Kann ich das wirklich noch 16 Kilometer durchhalten?
Mir scheint die Sonne ins Gesicht. Und irgendwie ist die Antwort plötzlich ganz einfach.

All in or nothing.

Also weiter. Das Feld hat sich inzwischen etwas auseinandergezogen. Endlich ist Platz zum Laufen. An der Verpflegungsstelle schnappe ich mir etwas Wasser und halte den Rhythmus. Nach etwa einer halben Stunde kommt das erste Gel. Kurz danach habe ich tatsächlich das Gefühl, dass wieder etwas mehr Kraft in die Beine kommt.

Die zweiten fünf Kilometer sind mit 19:24 Minuten minimal verhaltener.
Dann die 10-Kilometer-Marke. 38:30 Minuten. Das ist klarer Bestzeitkurs.
Das Problem daran: Ich bin noch nicht einmal bei der Hälfte.
Also nicht rechnen. Einfach laufen.

Es geht Richtung Rudolfplatz. Zum zweiten Mal heute.
Und Rudolfplatz bedeutet: Stimmung.
Die Strecke ist auf beiden Seiten abgesperrt, Musik dröhnt über die Straße, überall stehen Menschen, klatschen, schreien und feuern uns an. Mein Name steht groß auf meiner Brust, und immer wieder höre ich ihn aus der Menge.

„GUIDO!“

„KOMM, GUIDO!“

Das gibt jedes Mal einen kleinen Schub. Es läuft. Aber inzwischen merke ich meine Beine. In der Schleife durch Ehrenfeld gebe ich trotzdem noch ein kleines bisschen Gas. Nicht viel. Nur gerade genug, um mir selbst zu zeigen, dass noch etwas da ist.
Die dritten fünf Kilometer gehen wieder in 19:10 Minuten weg. Das Ding läuft.
Dann geht es auf die Innere Kanalstraße. Vier Spuren. Breit. Gerade. Und plötzlich: fast niemand. Nach der Lautstärke am Rudolfplatz wirkt es hier beinahe gespenstisch. Keine Zuschauermassen, kaum andere Läufer direkt neben mir. Nur Straße. Und meine Gedanken. Mach weiter.

Links. Rechts. Links. Rechts. Ich glaube dran.

Ich nehme mein letztes Gel. Noch fünf Kilometer. 5.000 Meter. Nein. Das klingt viel zu weit.
Noch fünf Kilometer.
Besser. Trotzdem ziehen sie sich. Ein Läufer überholt mich. Ich versuche mich dranzuhängen und erhöhe das Tempo. Keine gute Idee. Nach kurzer Zeit merke ich, dass das gerade ziemlich zuverlässig schiefgehen könnte. Also Vernunft einschalten, wieder ein paar Meter zurückfallen lassen und meinen eigenen Rhythmus laufen.
Noch vier Kilometer.
Es geht auf die Ringe. Und plötzlich sind die Menschen wieder da. Die Strecke wird voller, die Geräuschkulisse lauter und die Beine schwerer. Ein Blick auf die Uhr. Eigentlich war Sub 1:23 das Ziel. Aber jetzt wird mir klar: Sub 1:22 ist drin. Für einen kurzen Moment bekomme ich Gänsehaut. Okay. Dann holen wir uns das jetzt.
Noch drei Kilometer.
Ab Kilometer 19 erhöhe ich das Tempo. Aus den konstanten 3:50ern werden wieder 3:45 min/km. Fünf Sekunden. Klingt lächerlich. Fühlt sich nach fast 19 Kilometern allerdings ungefähr so an, als hätte jemand den Schwierigkeitsgrad von „unangenehm“ auf „warum mache ich diesen Scheiß eigentlich?“ gestellt. Meine Beine brennen. Das kann noch richtig in die Hose gehen. Aber auf den Ringen trägt einen die Zuschauermenge. Überall Menschen, überall Rufe, überall Lärm. Wieder Rudolfplatz. Diesmal links Richtung Neumarkt.
Noch zwei Kilometer.
Die Zuschauermassen werden wieder weniger. Und damit wird es sofort zäher. Jetzt gibt es nichts mehr, was mich ablenkt. Nur noch meine Beine, meine Atmung und die Uhr. Am Neumarkt liegt die Verpflegungsstelle etwas außen in der Kurve. Kurz schießt mir ein Gedanke durch den Kopf:

Noch etwas trinken?

Das kostet bestimmt zwei Sekunden. Nein. Heute nicht. Vollgas weiter.
Der letzte Kilometer.
Es geht auf die Hohe Straße. Alles ist abgesperrt, aber überraschend wenige Menschen stehen hier. Dazu Kopfsteinpflaster. Perfekt. Meine Füße hatten auf glattem Asphalt schon langsam Schwierigkeiten, vernünftig zu funktionieren. Jetzt soll ich also mit müden Beinen über Kopfsteinpflaster sprinten. Bloß nicht umknicken. Ich fokussiere den Boden. Schritt für Schritt. Nicht nachlassen. Dann geht es Richtung Dom. Und plötzlich werden die Menschen wieder mehr. Viel mehr. Es wird laut. Richtig laut. Die letzte Kurve. Und da ist er.

Der rote Teppich.

Mein Blick wird schmal. Alles um mich herum beginnt langsam unscharf zu werden. Ich sehe eigentlich nur noch diesen Zielkanal vor mir. Es ist ein Gefühl einen Raum zu betreten und die Welt hält an. Das muss noch 200 Meter reichen. Mehr verlange ich von meinem Körper nicht mehr. Die Zeit scheint nicht weiterlaufen zu wollen. Mein Blick geht zur Uhr. 1:21:30…31…32…33 Und plötzlich realisiere ich: Das klappt. Nicht nur Sub 1:23. Nicht nur irgendwie Bestzeit. Sub 1:22!
Aus den Lautsprechern höre ich meinen Namen. Noch 20 Meter. Die Beine sind leer. Noch zehn. An der Seite springt jemand mit einem Schild über dem Kopf was ich nicht mehr lesen kann. Komm. Noch ein paar Schritte.

ZIEL.

Ich stoppe die Uhr. 1:21:45 Stunden. Die Kraft ist schlagartig weg. Ich sinke auf den Boden. Für ein paar Sekunden ist mir eigentlich alles egal. Ich bin einfach nur froh, dass ich keinen einzigen Meter mehr laufen muss. Dann schaue ich noch einmal auf die Uhr. 1:21:45h Halbmarathon. Ein Schnitt von ungefähr 3:52 min/km. Krass. Das war ganz schön schnell.

Morgens um sechs hatte ich noch halb schlafend mit einem Nutella-Bananen-Toast in der Küche gestanden. Nach 300 Metern hatte meine Achillessehne beschlossen, mir einen kleinen Herzinfarkt zu verpassen. Nach fünf Kilometern war ich mir nicht sicher, ob ich gerade vollkommen überziehe. Nach zehn Kilometern war klar, dass heute etwas gehen könnte. Und fünf Kilometer vor dem Ziel begann der eigentliche Kampf. Am Ende blieb nur eine Entscheidung: All in or nothing. Heute war es all in. Und es hat sich verdammt noch mal gelohnt.

Kölner Halbmarathon 2026 – 1:21:45 h.

Was für ein Rennen.

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